Bewertungsmodelle verstehen
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Der Artikel Kennzahlen für Anfänger zeigt dir, wie du einzelne Kennzahlen wie das KGV berechnest und liest. Dieser Artikel geht einen Schritt weiter und erklärt, wie Profis versuchen, aus solchen Zahlen und aus Schätzungen über die Zukunft einen geschätzten „fairen Wert“ einer Aktie abzuleiten. Sie bilden dafür ein ganzes Bewertungsmodell, statt nur eine einzelne Kennzahl zu betrachten. Wichtig vorweg: Dieser Artikel ist eine konzeptionelle Einordnung, keine Anleitung, mit der du selbst „unterbewertete“ Aktien aufspüren sollst. Warum solche Modelle trotz aller Sorgfalt keine verlässliche Antwort liefern, erklärt anschließend ausführlich Grenzen von Kennzahlen und Modellen – lies diesen Artikel im Anschluss unbedingt.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Preis einer Aktie (der Kurs) und ihr „Wert“ (was sie einem Anleger wirtschaftlich wert sein könnte) sind zwei unterschiedliche Größen. Bewertungsmodelle versuchen, diesen Wert zu schätzen.
- Multiplikator-Verfahren vergleichen ein Unternehmen über Kennzahlen mit ähnlichen Unternehmen.
- Discounted-Cashflow-Modelle schätzen künftige Zahlungsströme und rechnen sie auf einen heutigen Wert zurück.
- Dividendenmodelle leiten einen Wert aus erwarteten künftigen Dividendenzahlungen ab.
- Alle Modelle beruhen auf Annahmen über die Zukunft – schon kleine Änderungen einer Annahme können zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen führen.
- Dieser Artikel nennt bewusst kein Rechenbeispiel mit einem „richtigen“ Endergebnis – das würde eine Genauigkeit vorspiegeln, die diese Modelle nicht haben.
Achtung
Bewertungsmodelle liefern eine Schätzung, keine Wahrheit. Kein Modell sagt dir zuverlässig, ob eine Aktie „günstig“ oder „teuer“ ist, und dieser Artikel ist ausdrücklich keine Anleitung, um selbst nach vermeintlichen Schnäppchen zu suchen. Der Artikel Grenzen von Kennzahlen und Modellen erklärt ausführlich, warum das so ist.
Wert und Preis: zwei unterschiedliche Dinge
Der Preis einer Aktie ist der Kurs, zu dem sie an der Börse aktuell gehandelt wird – er entsteht aus Angebot und Nachfrage vieler Marktteilnehmer:innen in jedem Moment neu. Der Wert einer Aktie ist demgegenüber eine Schätzung: die Einschätzung, was ein Anteil an diesem Unternehmen wirtschaftlich „eigentlich“ wert sein könnte, wenn man seine künftigen Gewinne, Zahlungsströme oder Dividenden zugrunde legt.
Bewertungsmodelle sind der Versuch, diesen Wert rechnerisch zu schätzen – in der Hoffnung, ihn mit dem aktuellen Preis vergleichen zu können. Die Grundidee lautet vereinfacht: Weicht der geschätzte Wert stark vom aktuellen Preis ab, könnte das ein Hinweis sein, dass eine Aktie vom Markt zu niedrig oder zu hoch eingeschätzt wird. Genauso gut kann eine solche Abweichung aber schlicht bedeuten, dass die eigenen Modellannahmen von den Erwartungen des Marktes abweichen – aus der Abweichung allein lässt sich nicht ablesen, welche Seite richtig liegt. Diese Website liefert dir hier bewusst keine Anleitung, wie du aus einer solchen Abweichung eine Kauf- oder Verkaufsentscheidung ableitest. Wie unzuverlässig genau diese Schätzung ist, zeigt der Abschnitt „Warum verschiedene Modelle zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen“ weiter unten – vertieft wird das Thema außerdem im Artikel Grenzen von Kennzahlen und Modellen.
Es gibt keinen einzelnen, allgemein anerkannten „richtigen“ Wert einer Aktie – nur verschiedene Modellfamilien, die jeweils einen eigenen Schätzansatz verfolgen. Die drei bekanntesten stellt dieser Artikel im Überblick vor.
| Modellfamilie | Grundidee | Braucht vor allem |
|---|---|---|
| Multiplikator-Verfahren | Vergleich über Kennzahlen mit ähnlichen Unternehmen | Eine Gruppe vergleichbarer Unternehmen |
| Discounted-Cashflow (DCF) | Künftige Zahlungsströme auf einen heutigen Wert zurückrechnen | Schätzungen künftiger Zahlungsströme und einen Abzinsungssatz |
| Dividendenmodelle | Wert aus erwarteten künftigen Dividenden ableiten | Schätzungen künftiger Dividenden und deren Wachstum |
Multiplikator-Verfahren: Bewertung im Vergleich
Multiplikator-Verfahren (auch „Vergleichsverfahren“ genannt, weil sie einen Wert aus dem Vergleich mit anderen Unternehmen ableiten) sind der in der Praxis am einfachsten nachvollziehbare Ansatz. Die Grundidee: Man setzt den Kurs eines Unternehmens (beziehungsweise seinen Börsenwert) ins Verhältnis zu einer Kennzahl – etwa zum Gewinn – und vergleicht diesen Multiplikator mit dem entsprechenden Wert ähnlicher Unternehmen derselben Branche. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) aus dem Artikel Kennzahlen für Anfänger ist genau ein solcher Multiplikator; auch das Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) und das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) gehören dazu.
Der Grundgedanke: Wenn ein Unternehmen mit einem deutlich niedrigeren Multiplikator gehandelt wird als vergleichbare Unternehmen der gleichen Branche, könnte das ein Hinweis auf eine niedrigere Bewertung sein – umgekehrt bei einem deutlich höheren Multiplikator. Wie im Artikel zu den Kennzahlen bereits ausführlich erklärt, ist ein solcher Unterschied aber kein Beweis für „günstig“ oder „teuer“: Er kann genauso gut unterschiedliche Wachstumserwartungen, unterschiedliche Risiken oder strukturelle Unterschiede zwischen den verglichenen Unternehmen widerspiegeln. Multiplikator-Verfahren sind ein Vergleichswerkzeug, kein Wahrheitsmesser.
Typische Stolperfalle: Die Auswahl der „vergleichbaren“ Unternehmen ist selbst eine Ermessensentscheidung. Zwei Unternehmen derselben Branchenbezeichnung können sich in Geschäftsmodell, Wachstumstempo oder Risiko stark unterscheiden – ein Vergleich ist dann irreführend, obwohl er auf den ersten Blick methodisch solide wirkt.
Die Discounted-Cashflow-Idee (nur das Grundprinzip)
Ein grundlegend anderer Ansatz ist das Discounted-Cashflow-Verfahren (DCF, wörtlich „abgezinste Zahlungsströme“). Dieser Artikel erklärt bewusst nur das Grundprinzip – ohne die eigentliche Rechenmethode vorzuführen, denn eine belastbare DCF-Bewertung erfordert weit mehr Fachwissen und Detailtiefe, als in einem Überblicksartikel für Einsteiger:innen sinnvoll vermittelt werden könnte.
Die Grundidee lässt sich in zwei Schritten zusammenfassen:
- Künftige Zahlungsströme schätzen. Man schätzt, wie viel frei verfügbares Geld ein Unternehmen in den kommenden Jahren voraussichtlich erwirtschaften wird.
- Diese künftigen Beträge auf ihren heutigen Wert „abzinsen“. Ein Euro, den du erst in fünf Jahren erhältst, ist heute weniger wert als ein Euro, den du sofort erhältst – unter anderem, weil du das Geld in der Zwischenzeit anderweitig anlegen könntest und weil die Zukunft unsicher ist. Die Abzinsung übersetzt künftige, unsichere Beträge in einen vergleichbaren heutigen Betrag.
Die Summe dieser abgezinsten künftigen Beträge ergibt den geschätzten heutigen Wert des Unternehmens. Man kann sich das wie einen Zeitstrahl vorstellen: Auf der Zeitachse liegen mehrere Jahre in der Zukunft, für die jeweils ein geschätzter Zahlungsstrom eingetragen wird; jeder dieser Beträge wird umso stärker „abgezinst“ (also kleiner gerechnet), je weiter er in der Zukunft liegt – am Ende der Zeitachse steht die Summe aller so verkleinerten Beträge als heutiger Schätzwert.
Dieser Schätzwert gilt dabei für das gesamte Unternehmen – er ist nicht unmittelbar der Wert einer einzelnen Aktie. Vom Unternehmenswert zum rechnerischen Wert je Aktie sind weitere Schritte nötig, unter anderem die Berücksichtigung der Schulden des Unternehmens und die Verteilung auf die Zahl der ausgegebenen Aktien. Auch das gehört zu der Detailtiefe, die dieser Überblicksartikel bewusst nicht vermittelt.
Warum diese Website hier auf ein Rechenbeispiel verzichtet
Ein DCF-Modell reagiert extrem empfindlich auf die gewählten Annahmen (mehr dazu im Abschnitt weiter unten). Ein einzelnes, stark vereinfachtes Zahlenbeispiel würde eine Genauigkeit und Nachrechenbarkeit vorspiegeln, die das Verfahren in der Praxis nicht hat – deshalb beschreibt dieser Artikel nur das Grundprinzip, nicht die Rechenschritte selbst.
Typische Stolperfalle: Ein DCF-Modell wirkt durch seine vielen Rechenschritte oft objektiver und präziser, als es tatsächlich ist. Tatsächlich stecken in jedem einzelnen Rechenschritt Annahmen über eine ungewisse Zukunft – die vermeintliche Genauigkeit der Methode täuscht leicht über die Unsicherheit der zugrunde liegenden Schätzungen hinweg.
Dividendenmodelle (kurz)
Eine dritte, mit Dividenden-Aktien besonders verbundene Modellfamilie sind Dividendenmodelle. Ihre Grundidee: Der Wert einer Aktie ergibt sich aus den künftigen Dividendenzahlungen, die eine Anlegerin oder ein Anleger im Laufe der Zeit erhält – ähnlich wie beim DCF-Verfahren, nur dass hier statt der gesamten Zahlungsströme des Unternehmens speziell die erwarteten künftigen Dividenden abgezinst werden. Wie eine Dividende grundsätzlich funktioniert, erklärt der Artikel Dividenden verstehen.
Dividendenmodelle stoßen bei Unternehmen, die keine oder nur unregelmäßig Dividenden zahlen, schnell an ihre Grenzen – dort liefern sie kaum verwertbare Ergebnisse, weil die Grundlage der Schätzung (erwartete künftige Ausschüttungen) fehlt oder zu unsicher ist. Wie im Artikel Kennzahlen für Anfänger bereits zur Dividendenrendite erklärt, ist eine Dividende außerdem keine vertragliche Zusage und kann gekürzt oder gestrichen werden – eine zusätzliche Unsicherheit, die auch in ein Dividendenmodell einfließt.
Warum verschiedene Modelle zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen
Wendet man mehrere dieser Modellfamilien auf dasselbe Unternehmen an, kommen sie in aller Regel zu unterschiedlichen geschätzten Werten – manchmal sogar deutlich unterschiedlichen. Das liegt nicht daran, dass eines der Modelle „falsch“ gerechnet wäre, sondern an den unterschiedlichen Annahmen, die jedes Modell zwangsläufig treffen muss:
- Ein Multiplikator-Verfahren hängt davon ab, welche Unternehmen als vergleichbar ausgewählt werden und wie diese selbst vom Markt bewertet werden.
- Ein DCF-Modell hängt von der geschätzten künftigen Wachstumsrate der Zahlungsströme, vom gewählten Abzinsungssatz und zusätzlich von der Annahme darüber ab, wie es nach dem überschaubaren Schätzzeitraum weitergeht.
- Ein Dividendenmodell hängt von der angenommenen künftigen Dividendenentwicklung ab.
Schon kleine Änderungen an einer einzigen dieser Annahmen können das Ergebnis stark verschieben – dieselbe Annahmen-Empfindlichkeit, die der Artikel Grenzen von Kennzahlen und Modellen im Abschnitt „Annahmen-Sensitivität: kleine Änderung, großer Unterschied“ ausführlich mit einem Beispiel veranschaulicht. Ein Bewertungsmodell liefert deshalb nie „den“ Wert einer Aktie, sondern immer nur eine Schätzung unter bestimmten, offen zu legenden Annahmen – und je nach gewählten Annahmen kann dieselbe Methode zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen.
Chancen und Risiken von Bewertungsmodellen
| Chancen | Risiken |
|---|---|
| Erzwingt eine strukturierte Auseinandersetzung mit einem Unternehmen statt einer bloßen Bauchentscheidung | Vermittelt einen Anschein von Präzision, der angesichts der zugrunde liegenden Annahmen nicht gerechtfertigt ist |
| Macht implizite Erwartungen (etwa an das künftige Wachstum) explizit und damit diskutierbar | Unterschiedliche, ebenfalls plausible Annahmen können zu stark abweichenden Ergebnissen führen |
| Hilft, den eigenen Denkprozess zu einer Bewertungsfrage nachvollziehbar zu machen | Kann zu einer falschen Sicherheit führen, mit einem Modellergebnis „den“ fairen Wert gefunden zu haben |
Merksatz
Bewertungsmodelle sind Werkzeuge, keine Wahrheiten. Sie übersetzen Annahmen über eine ungewisse Zukunft in eine scheinbar konkrete Zahl – wie stark diese Zahl von den gewählten Annahmen abhängt und warum das die Aussagekraft jedes Modells grundsätzlich begrenzt, erklärt der Artikel Grenzen von Kennzahlen und Modellen ausführlich.
Was du jetzt tun kannst
Lies im Anschluss unbedingt den Artikel Grenzen von Kennzahlen und Modellen – er ordnet ausführlich ein, warum selbst sorgfältig angewandte Bewertungsmodelle keine gute Geldanlage garantieren. Welche einzelnen Kennzahlen als Bausteine der Multiplikator-Verfahren dienen, erklärt Kennzahlen für Anfänger. Einen Überblick, wie sich die Bewertungsfrage in die Gesamtbeurteilung eines Wertpapiers einordnet, gibt Aktien und ETFs beurteilen. Was eine Aktie grundlegend ist, erklärt Was ist eine Aktie?.
Quellen
- BaFin: Einmaleins der Geldanlage – allgemeine Verbraucherinformationen zur Geldanlage: eigene Ziele klären, Produkte nur bei eigenem Verständnis wählen. Abgerufen: August 2026.
- gesetze-im-internet.de: Handelsgesetzbuch (HGB), Drittes Buch – Handelsbücher – Grundlage für die in Multiplikator-Verfahren verwendeten Bilanz- und Erfolgskennzahlen. Abgerufen: August 2026.
- Deutsche Bundesbank: Was sind Zinsen? – Bildungsangebot der Bundesbank aus der Reihe Erklärfilme dazu, was Zinsen sind und wovon ihre Höhe abhängt. Die Seite behandelt die Abzinsung selbst nicht; sie liefert den allgemeinen Zins-Hintergrund zu dem im Artikel beschriebenen Gedanken, dass Geld zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedlich viel wert ist. Abgerufen: August 2026.
Risiko
Geldanlage in Aktien und ETFs ist mit Risiken bis hin zum Verlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Diese Website vermittelt allgemeines Wissen — sie bietet keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung und keine Empfehlungen zu konkreten Produkten. Triff Anlageentscheidungen erst, wenn du sie selbst verstanden hast.
Keine Anlageberatung
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und Bildung. Er stellt keine Anlageberatung und keine Anlageempfehlung dar und berücksichtigt nicht deine persönlichen Verhältnisse. Die Entscheidung über eine Geldanlage triffst du eigenverantwortlich; ziehe bei Bedarf eine qualifizierte, zugelassene Beratung hinzu. Die Betreiberin/der Betreiber ist nicht als Finanzberater/in zugelassen.
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Über die Autorin/den Autor
Matthias Lamprecht
Privatanleger mit über 10 Jahren Erfahrung; schreibt aus Einsteiger-Perspektive.